Sizilianisches Flügelgambit - Marcus Schmücker Rezension

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Sizilianisches Flügelgambit - Marcus Schmücker Rezension

Beitragvon Topschach » Mi 1. Jul 2015, 09:20

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Vor einigen Tagen bin ich über dieses Buch gestolpert und mein erster Gedanke war: "Oha ! Mal wieder ein Autor, der bereits im zweiten Zug mit Ausrufezeichen als Zugbewertung um sich wirft."

1.e4 c5 2.b4 - Das sogenannte Flügelgambit. Auf gerade mal 128 Seiten versucht der Autor Marcus Schmücker ein Gambit schmackhaft zu machen. 128 Seiten klingt schon recht wenig für ein Schachbuch und wenn man es genau nimmt, sind es Dank vieler unbedruckter Freiflächen und dicken Rand sogar noch weniger Seiten. Als Zielgruppe gibt der Autor im Werbetext eine ELO bis 2400 an und im Buch selbst schreibt er:

Zitat: "Meiner Meinung nach kann jeder Vereinsspieler bis ca. DWZ 2200 das Flügelgambit spielen. Darüber hinaus sollte man sich aber selbst intensiv mit den Abspielen beschäftigen".

Natürlich kann es jeder spielen. Ob man mit diesem Gambit punktet, darf allerdings bezweifelt werden. Als Waffe in Blitzpartien durchaus anwendbar, trifft man dieses Gambit eher selten in Turnierpartien an. Aber zurück zum Buch. Der Autor ist schon zu Anfang sehr bemüht, die Idee des Flügelgambits zu rechtfertigen und streut im Text auch ein paar Großmeister ein, welche das Flügelgambit schon mal gespielt haben. Damit soll der Eindruck entstehen, dass es sich um eine durchaus spielbare Eröffnung handelt. Die ersten 13 Seiten des Buches bieten keinen praktischen Nutzen. Es wird nur schwadroniert. Aber der Autor hat bereits auf den ersten Seiten den Leser vorgewarnt, dass er ein Schachbuch mit viel Text schreiben wollte.

Auf Seite 14 geht es dann mit den Varianten los, sofern der Leser das Buch nicht schon jetzt ins Regal zurückgestellt hat. Ohne ins Detail zu gehen kann ich zusammenfassen, dass jede beschriebene Variante wie ein missglückter Versuch wirkt, den Zug 2.b4! zu rechtfertigen. Beim Lesen bekommt man schnell den Eindruck, dass es Weiß ist, der um Ausgleich kämpft. Oft wird vom Autor von Kompensation gesprochen, ohne genau dazulegen, worin diese besteht. Da spricht er von Raumvorteil, ohne anzugeben, wie man diesen Weiß nutzten kann. Weiß hat Raum, aber von Vorteil keine Spur.

Trotzdem darf man Marcus Schmücker als recht clever bezeichnen. Er weißt darauf hin, dass nach 1.e4 c5 2.b4 ab 3.a3 der schwarze Antwortzug 3...d5 am besten ist. Bis dahin liegt er auch nicht falsch. Aber werfen wir einen Blick auf Seite 14 des Buches, wie es weitergeht: 4.ed Sf6!? 5.ab Sxd5 und nun gibt der Autor den Zug 6.b5! an und verziert diesem Zug ein fettes Ausrufezeichen, gefolgt von unnötigen Anmerkungen, wie etwa, dass er zunächst c3 für stärker hielt, ohne darauf weiter einzugehen. Den Zug b5 findet er klasse, da der Bauer nicht mehr angegriffen ist und Weiß mehr Raum erhält. Das wars auch schon. Er nennt keine Idee, wie dieser Raum zu nutzen ist. Dieser oberflächliche Stil zieht sich durch das gesamte Buch. Aber was macht den Autoren hierbei so clever ? Ganz einfach, er vergibt hier und da ein Ausrufezeichen, sucht in der weißen Stellung oberflächlich nach irgendwelchen möglichen Vorteilen, ohne dabei auch nur im Ansatz in die Tiefe zu gehen oder die schwarze Stellung richtig zu bewerten. Wohin man schaut, alles voll mit Luftblasen. Natürlich versäumt es der Autor nicht, auf folgendes hinzuweisen:

Zitat: "In der Praxis dürfte es Schwarz sehr schwer fallen, nach 2.b4 nicht nervös zu werden."

Das Buch ist voll von solchen Plattitüden.

Man kann sich natürlich die Frage stellen, warum jemand auf die Idee kommt, ein Buch über das Flügelgambit zu schreiben. Die Antwort darauf fällt recht einfach aus. Es gibt zu dieser Eröffnung recht wenig Bücher und das auch aus gutem Grund. Trotzdem gibt es genügend Schachspieler, welche gerne etwas Außergewöhnliches spielen möchten. Sie vertrauen darauf, dass das was ein Autor schreibt, auch wahr ist. Sie hoffen wirklich, dass der Gegner nach 2.b4 tot vom Stuhl fällt.

Für mich persönlich stellt sich auch die Frage, warum der Autor nicht die etwas vollwertigere Zugfolge 1.e4 c5 2.Sf3 xxx 3.b4 als Thema des Buches gemacht hat. Die Antwort darauf ist aber relativ einfach, denn hätte Schmücker sich diese Zugfolge vorgenommen, hätte er sich wesentlich mehr Mühe geben müssen, denn die aus dieser Zugfolge resultierenden Varianten sind wesentlich gehaltvoller als das, was nach dem direkten 2.b4 aufs Brett kommt.

Für mich eines der schlechtesten Eröffnungsbücher. Schade um die Bäume, die dafür gefällt werden mussten.
Topschach
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